(Teils recht spekulativer Versuch einer Antwort...)
B999 hat geschrieben:Die Hälfte der Heya befindet sich in einem 2km Umkreis vom Kokugikan und
die andere Hälfte darf getrost Tokyo und dem nahem Umfeld,
zugeschrieben werden.
Ist das nicht ganz erstaunlich?
Würde ich nicht sagen. Zulieferindustrien siedeln sich nun mal bevorzugt da an, wo die Nachfrage existiert.

Und in diesem Fall gibt's auch nur einen Nachfrager...
B999 hat geschrieben:Aus der Historie heraus, gab es ja bis 1927 sogar noch zwei Sumo-Verbände,
einen in Tokio und einen in Osaka.
Ich hätte also vermutet, dass die Heya beim Japanischen Volkssport Nr.1,
weit über Japan verteilt seien, aber mitnichten.
Sumo kann man heutzutage als Tokyo Sport betrachten, (war das früher einmal anders?)
Ich bin mir nicht ganz sicher, wann da Schicht im Schacht war (so 1880-90 vielleicht?), aber noch früher war auch Kyoto ein Zentrum des Sumo.
Ganz allgemein gesprochen kann man die damaligen Zeiten aber einfach nicht mit heute vergleichen. Immerhin haben die Sumotori anfangs mal als Vertreter ihrer lokalen Daimyos gekämpft, und wenn man bis dahin, also vor die Meiji-Ära, zurückblicken will, waren die Heya wohl mit großer Sicherheit deutlich weiträumiger verteilt. Nur hatten die halt mit den organisierten Trainingszentren der neueren Zeit nicht so wirklich viel zu tun.
Auch war die Organisation des Sumo allgemein anders. Wenn man sich mal ein paar Rikishi-Profile so um 1850 in der exzellenten Site von
Takayama anschaut, fällt schnell auf, dass eine Menge Rikishi mit Heyazugehörigkeit gleich in mehreren der drei großen Territorien gelistet sind. Und dann schaut man sich ihre Tokyo-Karriereverläufe an (entweder gleich da, oder noch besser in der
Sumo DB) und stellt fast, dass es da keinerlei Lücken gibt - mit anderen Worten, die müssen damals wohl parallel in den Turnieren mehrerer Territorien aktiv gewesen sein. Dementsprechend kann mal auch schlussfolgern, dass die Zugehörigkeit zu einem Heya wohl eine etwas andere Begrifflichkeit als heute gehabt haben muss.
Jedenfalls ändert sich das, wenn man so etwa auf die 1870/80er Jahre zusteuert, da häufen sich dann biographische Vermerke der Art "nachdem er den Rang des Soundso im Osaka-zumo erreicht hatte, entschied er sich, zum Tokyo-zumo zu wechseln". Das ist auch die Zeit, in der (nach meinem Eindruck zumindest) die Grundsteine für das moderne Sumo gelegt wurden, mit der formalen Abspaltung der Juryo als eigene Division, der Erstellung der Banzuke stärker nach Leistungsgesichtspunkten als nach Seniorität, dem Yokozuna als eigenständigen Rang, usw.
Um mal wieder den Bogen zur eigentlichen Thematik zu schlagen - zu dieser Zeit dürfte sich wohl eine deutlich stärkere Zentralisierung des Sumo herausgebildet haben. Und als das Osaka-zumo mit Tokyo 1927 vereinigt wurde (ganz offen sollte man wahrscheinlich eher von "Eingemeindung" sprechen), hatte die Organisation schon ziemlich vor sich hin gekränkelt, so dass es sich danach als örtlicher Gegenpol zu Tokyo nicht wirklich halten konnte.
Ich habe vorhin mal in den Artikel der japanischen Wikipedia zum Asahiyama-beya reingeschaut (dem einzigen Heya, das seit vor 1927 aus dem Osaka-zumo ununterbrochen existiert) und während die Osaka-Ursprünge natürlich angesprochen werden, wird mit keinem Wort erwähnt, wann und wie es das Heya denn ortsmäßig nach Tokyo verschlagen hat - ich würde mal vermuten, dass das einfach nicht sonderlich relevant ist, weil sich nach 1927 sowieso alles ganz natürlich auf Tokyo ausgerichtet hat. That's where the action was, wie es so schön heißt.
Ich befürchte, das war jetzt wieder mal eines der Postings, mit dem alle Klarheiten beseitigt worden sind...